Ready for a real change?
Ready for a real change?

30 Jahre später – Begegnung mit einem früheren Ich

Dieses Jahr wurde mir bewusst: Es sind inzwischen 30 Jahre vergangen, seit wir als Kinder und Jugendliche gemeinsam die Schulbank gedrückt haben – insbesondere am FWG in Kronach. Schon dieser Gedanke führt direkt zum Thema Zeit – ein Thema, welches ich in einem Blogbeitrag vom 15.06.2023 kurz angesprochen habe. Heute geht es um etwas anderes.

Unser Wiedersehen war in vielerlei Hinsicht faszinierend. Überraschend – und gleichzeitig schön – war, dass sich optisch kaum jemand drastisch verändert hatte. Der Moment des Einlaufens ins Kitsch war intensiv. Er fühlte sich an wie eine Zeitkollision: mein früheres Ich und mein heutiges Bewusstsein trafen aufeinander – in einem Zustand absoluter Gegenwärtigkeit.

Ich war vorbereitet. Ich hatte mich bewusst entschieden, so urteilsfrei und erwartungsfrei wie möglich an diesen Abend heranzugehen. Dieses Gefühl der Klarheit hielt – wie erwartet – nicht ewig. Es war wie ein kurzes Aufleuchten. Ein inneres Feuerwerk. Und ich bin sicher: Nicht nur ich habe diesen Moment so erlebt.

Als alle eingetroffen waren, die kurze Begrüßung vorbei war und das Buffet eröffnet wurde, passierte etwas beinahe Magisches – und gleichzeitig vollkommen Erwartbares: Die alten Gruppen formierten sich. Fast automatisch. Wie gespeicherte Muster, die sich in Millisekunden reaktivieren. Viele von uns schlüpften offensichtlich – bewusst oder unbewusst – zurück ins alte Nervenkostüm. Anders wären manche Reaktionen kaum erklärbar.

In diesem Moment wurde mir eines klar: Wir waren ein Raum voller erwachsener Menschen – und doch traf in uns die Projektion eines früheren Bildes aufeinander. Nicht auf das echte Gegenüber – sondern auf die Version, die wir vor 30 Jahren abgespeichert hatten. Ein Kind. Ein Jugendlicher. „Ungebackene Brötchen“, um es direkt auszudrücken. Damals wussten wir alle noch nicht einmal ansatzweise, wer wir sind – und viele von uns wissen es heute vermutlich noch immer nicht vollständig. Was vollkommen menschlich ist.

Genau deshalb ist es mir wichtig, keine Bewertungen zu treffen. Wir alle tragen Biografien, die der andere nicht kennt. Kein Mensch weiß, durch welche Täler, Brüche, Siege oder inneren Metamorphosen der andere gegangen ist.

Dieser Abend hat mich nicht nostalgisch gemacht – sondern präsent.

Der Moment des bewussten Gehens

Je länger der Abend dauerte, desto stiller wurde es in mir. Nicht aus Enttäuschung — sondern aus Erkenntnis. Es gab keinen inneren Auftrag, etwas zu beweisen, niemandem etwas zu geben oder abzuholen. Kein Bedürfnis nach Anerkennung. Kein Bedürfnis nach Rückbestätigung einer Vergangenheit, die längst verarbeitet ist.

Ich spürte: Mein Platz an diesem Abend war nicht im Mittelpunkt – sondern im Beobachten. Nicht im Erinnern – sondern im Erkennen. Das bestätigte mir etwas Wesentliches über meinen eigenen Weg.

Als ich später den letzten Schluck nahm – bewusst, nicht beiläufig – war es kein „Abschied aus Höflichkeit“. Es war ein stilles Ritual. Ein Zeichen des Respekts an den Jungen, der ich damals war. Einen Jungen, der alles gegeben hat, was er zu dieser Zeit geben konnte. Innerhalb der Möglichkeiten, die er damals kannte.

Ich setzte das Glas ab – und mit ihm ein Kapitel, das längst innerlich abgeschlossen, aber an diesem Abend noch einmal sichtbar geworden war.

Ich ging nicht als Letzter, weil ich nichts fand.
Ich ging als Letzter, weil ich alles gesehen hatte, was es zu sehen gab.
Und weil innerer Frieden kein Spektakel braucht.

Draußen war die Nacht kühl, klar.
Kein Echo im Kopf. Kein Ziehen im Herzen.
Nur ein tiefer, authentischer Satz in mir:

„Es ist gut.“

Nicht im Sinne von „Es war schön“ oder „Schade, dass es vorbei ist“.
Sondern in seiner reifen Form: „Es ist vollständig. Und ich bin es auch.“

Dies folgenden Linien fassen diese Erfahrungen und Erlebnisse nochmals schön zusammen:

Nachklang eines Abends – 30 Jahre später

Ich kam als der,
der ich geworden bin,
nicht als der,
den sie kannten.

Die Gesichter trugen die Zeit wie feine Linien,
doch die Muster darunter waren dieselben.
Lächeln, Gesten, vertraute Bewegungen –
Spuren eines alten Lebens,
das ich einmal mitgeschrieben habe.

Ich stand da, ruhig, offen,
ohne Rolle, ohne Bedürfnis, ohne Maskenspiel.
Ich sah, wie Gruppen sich fanden,
wie Erinnerungen sich suchten, und
wie wenig Platz blieb für das,
was jenseits der alten Geschichten liegt.

Ich war da. Ich sah. Ich blieb.
Ich trank den letzten Schluck,
nicht aus Durst, sondern aus Achtung.

Ein stilles „Danke“ an den Jungen,
der ich war, an all die Wege,
die ich gegangen bin, und an die,
die ich hinter mir lassen durfte.

Dann ging ich hinaus, nicht einsam, sondern vollständig.
Die Nacht war frisch, mein Herz still.
Etwas war zu Ende gegangen, und etwas anderes begann –
leise, klar, wahr.

Ich stellte das Glas ab.
Und mit ihm die Vergangenheit.

30 Years Later – Encounter with a Former Self

This year I became aware of something: it has now been 30 years since we sat together as children and teenagers in school — especially at FWG in Kronach. Even that thought immediately leads to the topic of time — a topic which I shortly mentioned in the Blogbeitrag of 15.06.2023. Today is about something else.

Our reunion was fascinating in many ways. What surprised me — and at the same time felt beautiful — was that visually, hardly anyone had changed drastically. The moment of walking into the Kitsch was intense. It felt like a collision of time: my former self and my current awareness meeting — in a state of absolute presence.

I was prepared. I had consciously decided to enter the evening as free from judgment and expectation as possible. That state of clarity did not last forever — as expected. It was like a brief flare. An inner firework. And I’m sure I wasn’t the only one who felt it that way.

Once everyone had arrived, the short greetings were over and the buffet was opened, something almost magical — and at the same time completely predictable — happened: the old groups formed. Almost automatically. Like stored patterns that reactivate within milliseconds. Many of us visibly — consciously or unconsciously — slipped back into our old nervous systems. Otherwise, some reactions would hardly be explainable.

In that moment, I realized one thing: We were a room full of adults — and yet what met inside us was the projection of a former image. Not the real person across from us — but the version we had stored 30 years ago. A child. A teenager. “Half-baked bread,” to put it bluntly. Back then, none of us even remotely knew who we were — and many likely still don’t fully know today. Which is entirely human.

That’s precisely why I find it important not to judge. We all carry biographies the other person does not know. No one knows which valleys, fractures, victories, or inner metamorphoses someone else has gone through.

This evening did not make me nostalgic — but present.

The longer the night went on, the quieter I became. Not out of disappointment — but out of realization. There was no inner assignment to prove anything, to give or receive something. No need for recognition. No desire to reaffirm a past that has long been integrated.

I sensed: My place that evening was not in the spotlight — but in observation. Not in remembering — but in recognizing. It confirmed something essential about my own path.

When I later took the last sip — consciously, not casually — it was not a polite farewell. It was a silent ritual. A gesture of respect to the boy I once was. A boy who gave everything he could at the time. Within the limits of what he knew then.

I set the glass down — and with it a chapter that had long been closed internally, but had shown itself once more that night.

I did not leave last because I had found nothing.
I left last because I had seen everything there was to see.
And because inner peace needs no spectacle.

Outside, the night was cool, clear.
No echo in my mind. No pull in my heart.
Only a deep, authentic sentence within me:

“It is good.”

Not in the sense of “It was nice” or “A pity it’s over.”
But in its mature form: “It is complete. And so am I.”

The following lines beautifully capture the essence of that experience:

Afterglow of an Evening – 30 Years Later

I arrived as the one
I have become,
not as the one
they once knew.

The faces carried time like fine lines,
yet the patterns beneath were the same.
Smiles, gestures, familiar movements —
traces of an old life
I once helped write.

I stood there, calm, open,
no role, no need, no mask to play.
I watched groups forming,
memories searching for each other,
and how little space remained for what
lies beyond old stories.

I was there. I saw. I stayed.
I drank the final sip —
not out of thirst, but out of reverence.

A quiet “thank you” to the boy
I once was — to all the paths
I have walked, and to those
I was allowed to leave behind.

Then I walked outside — not lonely, but complete.
The night was fresh, my heart still.
Something had ended, and something else began —
quiet, clear, true.

I set down the glass.
And with it, the past.

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